
Die christliche Gemeinde am Nollendorfplatz in Berlin in den 70er Jahren unter der Leitung von Pastor Volkhard Spitzer und Pastor Wolfgang Müller
Herzlich willkommen! Ich hoffe, daß diese Webseite ein Treffpunkt für alle ehemaligen "Nollianer" wird und auch für alle, die sich über die Berliner "Jesus-people"-Bewegung der 70er Jahre informieren möchten.
Wer bin ich?
Mein Name ist Bill Price. Ich bin deutschsprechender Amerikaner und in
den siebziger Jahren wohnte ich in Berlin. Am 18. Juli 1973 habe ich die Gemeinde
am Nollendorfplatz, Treffpunkt der sogenannten Berliner "Jesus-people",
zum ersten Mal besucht. Fünf Jahre lang, bis zu meiner Rückkehr in die USA, hatte ich
das Vorrecht, dabei zu sein. Die Gemeinde hat mir unheimlich gut gefallen, und in den
fünf Jahren zwischen 1973 und 1978 wurde ich regelmäßiger "Nolli"-Besucher
und Augenzeuge von allem, was da in den 70er Jahren vorging.
Wenn Sie nichts davon wissen, möchte ich Ihnen einiges davon erzählen. Wenn Sie
schon etwas davon wissen oder sogar selber dabei waren, wird diese Webpage für Sie
hoffentlich einige schöne Erinnerungen ins Gedächtnis zurückrufen.
Was war der "Nolli"?
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hat der amerikanische Evangelist
Harold Herman die vom Kriege verwüstete Stadt Berlin besucht. Jeder
ältere Mensch, der zu dieser Zeit in Berlin wohnhaft war, kann sich bestimmt an das
große "Evangeliumszelt" am Potsdamer Platz erinnern, das nach der Krise vom 17.
Juni 1953 zum Breitscheidplatz umziehen mußte. Aus diesen evangelistischen Versammlungen
entstand eine interkonfessionelle freikirchliche Gemeinde, die einige Jahre später im
berühmten Metropol-Theater am Nollendorfplatz 5 ihre Heimat fand.
Im September 1964 wurde der 21jährige Volkhard Spitzer aus
Göppingen Pastor der Christlichen Missionsgemeinschaft am Nollendorfplatz. Der dynamische
Spitzer, der früher als "boy preacher" unter den amerikanischen Streitkräften
in Süddeutschland bekannt war, hat der Gemeinde durch seine persönliche Anziehungskraft
und lebhafte Predigt neues Leben gegeben. Es dauerte aber sieben Jahre, bis ein
bedeutsames Ereignis die Gemeinde und ihren Pastor weltweit berühmt machte.
In den frühen siebziger Jahren brach in den USA die "Jesus Revolution" aus. Überall bekehrten sich scharenweise junge Hippies zum lebendigen Glauben an Jesus Christus, und die Geschichte machte Schlagzeilen in der amerikanischen Presse. Für manche war es nur noch eine Frage der Zeit, bis dieses ursprünglich amerikanische Phänomen auch in Deutschland erscheinen würde.
Im Februar 1971 hat ein junger weiblicher drogensüchtiger Teenager sein Leben Jesus gewidmet, nachdem er die Gemeinde am Nollendorfplatz besucht hatte. Kurz danach kamen mehr Hippies zu den Versammlungen am "Nolli", die sich auch bekehrten. Nach einem knappen Vierteljahr waren es etwa sechzig Jugendliche. In kurzer Zeit hat sich das Gesicht der Gemeinde radikal verändert. Auf der einen Seite saßen die alten grauhaarigen Witwen, die schon jahrelang die Gemeinde treu besuchten, und auf der anderen Seite hockten die langhaarigen Hippies, die mit ihrem heiteren Anbetungsstil der Gemeinde eine neue Vitalität verliehen.
Das "Spiegel" Interview
Das phänomenale Wachstum der Gemeinde hat mit der Zeit sogar die Aufmerksamkeit der deutschen Presse an sich gezogen. Im Jahre 1971 haben Reporter des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" den jungen Pastor Volkhard Spitzer ausgesucht, um ihm ein Interview zu gestatten. Einige Seiten wurden dieser dramatischen Geschichte gewidmet, die sich im Herzen von West-Berlin abspielte. Drogensüchtige werden durch ihren Glauben geheilt! Ausgeflippte Jugendliche bekehren sich zu Jesus!
Die "One-Way"-Teestube
Im April 1971 wurde in der Mansteinstraße 4 eine
"One-Way"-Teestube geöffnet. Hier wurden Menschen von der Straße in einer
sehr entspannten Atmosphäre angesprochen. Im März 1973 wurde die Teestube wegen
Mitarbeitermangels geschlossen. Ein Jahr später, am 2. Februar 1974, wurde die neu
renovierte Teestube unter neuer Leitung als die "Ladenkirche"
wiedereröffnet.
Das "One-Way"-Haus
Um junge bekehrte Drogensüchtige intensiver zu betreuen hat die Gemeinde ein
Haus in Lichterfelde, ein Stadtteil im Süden Berlins, gekauft. Es wurde das
"One-Way"-Haus genannt. Hier wohnte die "Jesus-Familie", eine
christliche Wohngemeinschaft. Einige Jahre später wurde das "One-Way"-Haus als
Tonbandstudio, Bibelschule und Gemeindebüro benutzt.
Die "One-Way"-Zeitung
Die Gemeinde hat eine "One-Way-Zeitung"
herausgegeben. Diese Zeitung, die vom Aussaat Verlag in Wuppertal in Wandzeitungsstil
gedruckt wurde, wurde als die "erste deutsche Jesus-People Presse" bezeichnet
und erschien monatlich in einer Auflage zwischen 10000 und 30000 Exemplaren. Sie war, wenn
ich mich nicht irre, nicht nur in Berlin verbreitet, sondern auch in
Westdeutschland.
Diese Zeitung war ganz schlicht auf farbigem Papier gedruckt, jeden Monat in einer anderen Farbe. Der Inhalt zielte meistens auf den Nichtchristen ab und war so zusammengestellt, daß er vorwiegend junge Menschen ansprach. Ich hatte mal eine Sammlung von One-Way-Zeitungen, alle Ausgaben von Juli 1973 bis August 1978; die ist mir leider irgendwie in der Zwischenzeit abhanden gekommen.
Mein erster Besuch
So ungefähr um diese Zeit, am 18. Juli 1973, kam ich in die Gemeinde.
Zur gleichen Zeit war ich
bei der amerikanischen Luftwaffe und wohnte in der Kaserne am Flughafen Tempelhof. Ich
suchte eine lebendige Kirche, und ein Freund hat mir von der Jesus-People Gemeinde am
Nollendorfplatz erzählt. Am 18. 7. 1973, einem Mittwochabend, bin ich mit der U-Bahn
hingefahren. Der Gemeindesaal befand sich in dem Metropol-Theater am Nollendorfplatz
5, in dem damals ein riesiges Porno-Kino hauste. Es machte solch einen komischen Eindruck:
ein großes Porno-Kino, und links nebenan eine kleine Pforte mit der Überschrift
"Evangelisationssaal". Eine Treppe führte mich hinauf in den
"Evangelisationssaal" der Christlichen Missionsgemeinschaft Berlin e.V. Ich
kannte niemanden, war ziemlich schüchtern und setzte mich auf einen leeren Platz neben
dem Gang, damit ich den Raum schnell verlassen könnte, falls mir etwas nicht gefallen
würde.
An dem Abend predigte der 29jährige Pastor Volkhard Spitzer. Sobald er anfing zu sprechen, wußte ich, daß ich am richtigen Platz war. Die Predigt war so hinreißend, daß ich vergaß, daß ich mich unter "fremden" Menschen befand.
Eine nette junge Frau names Heidi, ungefähr so alt wie ich, hat mich nachher angesprochen und hat mich einigen der "Jesus People" vorgestellt. Seit dem Abend war ich regelmäßiger Besucher der Gemeinde am "Nolli."
Haveltaufe
Jeden Sommer veranstaltete die Gemeinde einen öffentlichen Taufgottesdienst
an der Havel. Die erste Haveltaufe, bei der etwa siebzig junge Menschen getauft
wurden, fand im Juli 1971 statt, gerade als die Jesus-Bewegung voll in Schwung
war. Jeden Sommer danach, die ganzen 70er Jahre hindurch, wurde ein Taufgottesdienst
an der Havel gehalten.
Ich selber wurde am 24. August 1975 von Pastor Spitzer in der Havel getauft. Der
Taufgottesdienst fand am Großen Fenster statt. Wenn ich mich richtig erinnere, war
das Große Fenster der traditionelle Ort, wo die Taufe stattfand.
Eine einmalige Gemeinde
Wie war es am Nolli?
Der Nolli war eine Gemeinde wie kaum eine andere in Deutschland. Man muß dabei gewesen zu sein, um genau zu wissen, wie ich das meine.
Alle Altersgruppen waren vertreten. Die Alten, die von Anfang an da waren, bildeten den Kern der Gemeinde. Dann kamen die vielen Jugendlichen, die sich in den Anfangsjahren der "Jesus Revolution" bekehrten. Dazu kamen noch viele Familien mit Kindern.
Es war eine internationale Gemeinde. Unter den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern gab es Amerikaner, Koreaner, Jugoslawen, Norweger, Engländer, Russen, Afrikaner, Inder, Libanesen, Ägypter und viele andere. Die verschiedensten Nationen und Rassen kamen zusammen in der Liebe Jesu. Welch ein Beispiel für die Welt, die doch versucht, durch künstliche Methoden Frieden und Eintracht unter den verschiedenen Völkern der Erde zu stiften.
Es war eine sehr lebendige Gemeinde. Der Nolli war bestimmt kein Platz zum Einschlafen. Die Gottesdienste waren lebendig, die Menschen waren voller Liebe und die Atmosphäre war sehr ansteckend.
Die Leiter der Gemeinde, Pastor Volkhard Spitzer und Pastor Wolfgang Müller, waren beide sehr begabte Männer Gottes, jeder nach seiner Art. Volkhard war ein begabter Evangelist, hatte die Gabe, Menschen zu begeistern, zu unterhalten und die Wahrheiten der Bibel zu lehren. Im Vergleich zu Volkhard hatte Bruder Müller ein ruhigeres Temperament. Er wurde von vielen etwa wie ein väterliches Vorbild angesehen. Obwohl die beiden in ihrem Gemüt und Predigtstil ganz verschieden waren, gab es keinerlei Reibungen. Ganz im Gegenteil. Sie haben einander durch ihre Verschiedenheiten ergänzt.
Pastor Wolfgang Müller
Wolfgang Müller kam aus Hamburg und wurde im
September 1973 Pastor am Nollendorfplatz. Ich kann mich an seine Ankunft in der Gemeinde
sehr gut erinnern, weil ich gerade zu der Zeit selber ein neuer Ankömmling war.
Wie gesagt, Bruder Müller war im Vergleich zu Bruder Spitzer eine ganz andere
Persönlichkeit. Damit wird aber nicht gesagt, daß Wolfgangs Predigt irgendwie
langweilte. Durchaus nicht! Bruder Müller hatte einen sehr einzigartigen Redensstil, mal
sehr spaßig, mal sehr ernst, aber immer sehr zielbewußt und effektiv. Als Ausländer ist
es mir besonders aufgefallen, daß er ein sehr klares, deutliches und geschliffenes
Hochdeutsch gesprochen hat und es war für mich immer ein reiner Genuß, seiner Stimme
zuzuhören.
Als Seelsorger war er nicht zu übertreffen. Einmal bin ich mit einem bestimmten Problem
zu ihm gegangen, und der Rat, den er mir damals gegeben hatte, hat mir bis zum heutigen
Tag geholfen.
Acht Jahre lang hat Bruder Müller treu am lieben "Nolli" gedient. Im Jahre
1981 hat er sich von der Gemeinde verabschiedet, nachdem er eine Stelle in Basel in der
Schweiz angenommen hatte.
1978 - Entstehung des CZB
1978 war mein letzes Jahr in Berlin. In diesem Jahr haben
sich der Nolli bzw. das "Jesus Center", offiziell noch "Christliche
Missionsgemeinschaft" genannt, und die Gemeinde an der Krummestraße, die
"Christliche Gemeinschaft Charlottenburg e. V.",
zusammengeschlossen. Dadurch ist das Christliche Zentrum Berlin e.V.
- das CZB - ins Leben gerufen worden.
Von 1977 bis 1978 war ich als Simultandolmetscher in den Sonntagsgottesdiensten tätig. In dieser Zeit kamen zwei junge Amerikaner aus der Melodyland School of Theology in Anaheim, Kalifornien, in die Gemeinde. Sam Fields und Dennis Ortmann haben die Predigten von Pastor Spitzer das erste Mal durch meine Simultanübersetzungen gehört. Ich habe bemerkt, daß Sam mir immer sehr aufmerksam zuhörte; Dennis dagegen schien sich lieber auf Volkhards deutsche Stimme zu konzentrieren. Innerhalb von einem Jahr konnte Dennis fließend deutsch sprechen, und nach einigen Jahren wurde er selber ein Pastor des CZB. Im Mai 2000 ist Dennis ausgeschieden und in die USA zurückgekehrt. Sam Fields diente auch neun Jahre als Pastor bis zu seiner Rückkehr in die USA im Jahre 1990.
Wo sind sie heute?
Der alte "Nolli" ist nicht mehr. In dem ehemaligen "Evangelisationssaal" am Nollendorfplatz 5, wo vor 30 Jahren die freudigen Anbetungslieder der Berliner Jesus-people zu hören waren, ist heute ein Nachtklub.
Pastor Volkhard Spitzer dient noch in Berlin. Aktuelles finden Sie auf der Webseite der City Kirche Berlin http://citykircheberlin.de.
Pastor Wolfgang Müller wohnt heute in Süddeutschland in der Nähe von Basel. Sie können einiges über seinen heutigen Dienst erfahren unter: www.heuteschongelebt.de und www.minimutmacher.de.
Nach einem sehr langen segensreichen Leben ist Weltevangelist Harold Herman am 04.08.1999 im Alter von 96 Jahren gestorben. Er wohnte im Nordwesten der USA.
Das Christliche Zentrum Berlin befindet sich heute in der Kirche am Südstern.
Dennis Ortmann is jetzt Pastor der "Chapel in the Pines" in Kalifornien.
Sam Fields hat in den letzten Jahren als Pastor einer Gemeinde in Alaska gedient. Leider ist er am 12.2.2006 im Alter von 56 Jahren heimgegangen.
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